Onkel Einar auf den Spuren von Paola Roith

Veröffentlicht am Donnerstag, 11. November 2010 inNeues im Netz, Spielwiese.

Angeregt durch den Polaroid-Hype der letzten Zeit kam mir die Idee zu folgendem “Paola-Roith-Experiment”.

Zum einen wollte ich mit Hilfe preiswerter Lösungen auch einmal dieses unvergleichliche Retro-Feeling erleben und mit anderen teilen.

Im einem zweiten Aspekt des Experiments  interessierten mich die Reaktionen der Mitglieder in einer öffentlichen Webgalerie auf Polaroid.  Insbesondere wollte ich versuchen herauszufinden, ob die formale Festlegung durch Polaroid (typischer Rahmen, stark eingeschränkte Bildqualität) beim Betrachter dazu führt, sich verstärkt mit Bildinhalten auseinanderzusetzen.

Als Testumfeld wählte ich eine beliebte Hobbygalerie, bei der ich davon ausgehen konnte, dass für die Mehrheit der Mitglieder Fototechnik (Bildqualität), klassische Bildgestaltung und Ästhetik (im Sinne von Schönheit) bei der Beurteilung im Vordergrund stehen.

to whom it may concern

Anfänglich erwog ich sogar die Anschaffung einer Sofortbildkamera. Eine Fuji Instax 210 für rund 80 Euro hatte ich bereits im Visier. Allerdings schreckte mich angesichts meines durch die Digitalfotografie geprägten Knipsverhaltens der Preis von 1,50 – 2 Euro pro Bild doch sehr ab.

Glücklicherweise hat sich in meinem Digitallager über die Jahre derart viel Bildmaterial angesammelt, dass es einfach zu schade gewesen wäre, nicht das eine oder andere Foto diesem Experiment zuzuführen.

Es musste eine Softwarelösung her.
Auf den Seiten von DeviantArt wurde ich in Gestalt des ‘Polaroid Generator  v. 1 by rawimage’ fündig.  Außerdem nannte mir ein Freund aus der fotocommunity das Programm ‘Polaroid 0.9.6.r0′.

Beide Programme haben – wie nicht anders zu erwarten – Vor- und Nachteile.

Der Polaroid Generator ist als PS-Aktion sehr flexibel, weil man nach Durchlaufen der Aktion jede erstellte Ebene einzeln bearbeiten kann.  Die angebotenen Modi   T600*, T600 expired*, Time Zero und Time Zero expired sind mit einiger Vorsicht zu genießen, weil die Farbveränderungen zum Teil recht heftig sind. Nachbearbeitung tut hier Not.  Von Vorteil ist, dass die Aktion mit jedem Bildformat zurecht kommt. Der Ausschnitt kann während des Durchlaufs individuell bestimmt werden.  Leider taucht die Aktion jedes Bild in derartige Unschärfe, dass jedem soliden Digitalfotografen kalte Schauer den Rücken laufen.

Polaroid 0.9.6.r0 ist ausgesprochen spaßig.  Das Proggi legt sich in Gestalt einer Polaroidkamera auf den Desktop. Per Maus zieht man sein Bild auf das Programm. Danach kann man die Entwicklung innerhalb der nächsten Minuten am Bildschirm mitvervolgen. Während der “Entwicklung” lassen sich zu jedem Zeitpunkt ‘Abzüge’ entnehmen.
Nach zehn Bildern muss Polaroid 0.9.6.r0 neu gestartet werden, weil die “Filmkassettte” leer ist. Ungemein witzig.
Das Programm verfügt über ein Feature, durch das während der ‘Entwicklung’ Fingerabdrücke und Fusseln willkürlich auf den Pola-Rahmen bzw. wenn gewünscht auch ins Bild heineingerechnet  werden.
Leider lassen sich Fingerabdrücke und Fusseln nicht getrennt steuern, aber immerhin kann man das Fusselfeature komplett abschalten. In weiteren Optionen lässt sich die Vignette und die Weichzeichnung deaktivieren.
Polaroid 0.9.6.r0 sollte am besten von vorn herein mit einem quadratischen Bild gefüttert werden,  da die Software das Foto sonst während der ‘Entwicklung’ willkürlich beschneidet.

Beide Programme kamen in meinem Experiment zum Einsatz .

Hier Teil 1 der ausgestellten Bilder:

Mein Fazit:

Fake-Polaroids sind ein herrlicher Unfug und ein Riesenspaß zugleich.  Im digitalen Zeitalter sind Fotos längst Inflationsware geworden.  So werden die meisten Bilder aus Angst in der digitalen Flut völlig unterzugehen hemmungslos per EBV verfremdet, zurechtgefrickelt und geglättet (dies gilt auch für die Testgalerie).  Was sollte ausgerechnet in solchen Zeiten gegen ein bißchen ‘Fake-Polaroid-Retro-Feeling’ sprechen?

Von den beiden getesteten Programmen gebe ich letztendlich Polaroid 0.9.6.r0 den Vorzug.  Es ist zwar nicht so flexibel wie die PS-Aktion, dafür aber sehr spaßig und völlig unkompliziert in der Bedienung.

Reaktionen:

Nach eigenen Beobachtungen erschien mir das Gros der  Testgalerie-User als ausgesprochen pingelig und perfektionsverliebt (in tech. Hinsicht).  Daher durften überwiegend negative Reaktionen auf meine Spielereien kaum überraschen.

Besonders zu Beginn des Experiments, als ich ausschließlich die PS-Aktion ‘Polaroid Generator’ verwendete,  waren mangelde Schärfe,  schlechte Bildqualität (Farben, Vignette etc.) und der typische Polaroidrahmen die häufigsten Kritikpunkte. Interessanterweise wurde bei den ersten Bildern noch vermutet, dass es sich um echte, d.h. eingescannte Polaroids handelte.

Bereits nach wenigen Uploads wurde die Sache pauschal als billige Masche abgetan. Auf Bildinhalte wurde hingegen nur selten eingegangen.

Schaufenster Besonders nachdenklich gemacht hat mich das Ausbleiben von Reaktionen  zu nebenstehendem Bild ‘Schaufenster’. Es zeigt Softguns für Jugendliche, welche echten Waffen täuschend ähnlich nachempfunden sind.

Trotz gut 500 Klicks hat nur ein einziger Galerie-User zu einer meines Erachtens diskussionswürdigen Thematik einen Kommentar abgegeben.

Es hat sich gezeigt, dass für die meisten User wohl dekorative und qualitative Aspekte bei der Kommentierung im Vordergrund stehen.  So hatte der Wechsel zur Software ‘Polaroid 0.9.6.r0′, nachdem ich die Weichzeichnung in den Optionen abgestellt hatte, eine spürbare Zunahme positiver Reaktionen zur Folge.

Das Wertungssystem der Galerie halte ich grundsätzlich für problematisch.  Mittels einer Stimmenvergabe durch die Galerie-User findet de facto  eine Benotung der eingestellten Bilder statt . Neben der Eingängigkeit eines Bildes (Stichwort: ‘Junk-food-Ästhetik’) und  dem persönlichem Geschmack spielen nach meinen Beobachtungen Freundschaften und Animositäten bei der Top-Vergabe eine nicht unwesentliche Rolle.

Dies hat meiner An sicht nach zur Folge, dass viele Aussteller permanent mit ihren Exponaten herumprobieren und auch taktieren, um möglichst viele Top-Wertungen aus der Gemeinschaft zu erhalten. Mit fatalen Folgen für Kreativität und Bildaussage:  Produziert, zurechtgefrickelt und anschließend mit TOP bewertet werden nämlich vorzugsweise ‘schöne Bilder’ mit “Wow-Effekt”, die obendrein möglichst wohnzimmerwandfähig sein sollten.

Eine schwierige Umgebung für diejenigen, die in erster Linie für sich selbst fotografieren und gerne Unpopuläres auprobieren  anstatt die Erwartungen anderer zu bedienen.  Dennoch, es gibt diese user vereinzelt auch in der Testgalerie.

Zu den ausgestellten Bildern gab es  mit zunehmender Laufzeit des Experiments mehr und mehr positive und gemäßigte Beiträge, was auf eine steigende Gewöhung oder vielleicht sogar auf gewisse Akzeptanz schließen lässt.

Auffällig waren allerdings auch die mitunter abfällig-spöttischen bis feindseligen Beiträge einiger User. Offenbar fühlt sich mancher durch einen Austeller dann besonders provoziert, wenn dieser sich beharrlich außerhalb der üblichen und algemein tolerierten Trampelpfade bewegt.

Einige Beispiele solcher Reaktionen auf die Fake-Polaroids:

  • “Jetzt weiß ich im Moment gar nicht, wo die Top-Taste ist.. egal, nächstes mal dann. Freue mich schon auf das nächste Bild der Polaroid-Serie. “
  • “wieviel Blödsinn kommt denn da noch…??”
  • “Mir…wird es eher langweilig. Kannst Du auch anderes?”
  • “lieblos abgelichtete Ketchupflasche…Bisher steht hier noch nichts positives zum Foto. Aber mach’ ruhig fertig damit. Es darf hier jeder wie er will”
  • “….ich finde da wird in ein Bild [Anm: Einkaufswagen eines Menschen ohne Obdach] was rein interpretiert, was dem Einsteller wahrscheinlich eh am A**** vorbeigeht ?!”
  • [Administrator zum Bild 'to whom it may concern' ganz oben:] “Ich hätte das Bild nicht freigegeben.  Ich würde Dir vorschalgen lösche es. Sonst mach ich das.”
  • “Fine Art? Aha.”
  • “ein unüberlegter Schuss halt……… “
  • “ach ja, unser Pola-Onkel hat wieder zugeschlagen…ich bin wieder maßlos begeistert, finde aber schon wieder die Top-taste nicht…”
Ausgespielt

Abschließend möchte ich mich bei allen Galeriemitgliedern ganz herzlich bedanken, weil sie durch ihre rege und engagierte Beteiligung  entscheidend zum Gelingen des Paola-Roith-Experiments beigetragen haben.

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Teil 2 der ausgestellten Bilder sowie einige unveröffentlichte:

Weiterführendes:

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